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Business History / Unternehmerbiografie


Anonymisierte Textprobe

[…] Die Wurzeln meiner Familie lassen sich väterlicherseites bis 1755 zurückverfolgen, und seither behaupteten sich unsere Stammväter in mehreren Generationen als zähe Bergmänner, geschickte Handwerker, tüchtige Kaufmannsleute und erfahrene Geschäftsleute. Sie erblickten allesamt das Licht der Welt im […] und blieben nicht nur der Scholle treu. Ihr Handwerk gaben sie an die Söhne weiter, die es gepflegt und vervollkommnet haben. Für mich lag also nichts näher, als in deren Fußstapfen zu treten und im Geiste des 20. Jahrhunderts aus dem Erbe das Beste zu machen. Dass ich es schließlich so weit bringen konnte, hat sicherlich auch andere Gründe als die charakteristische Sesshaftigkeit des väterlichen Stammes. Ich wagte den Blick nicht nur über den Tellerrand hinaus, sondern streckte den Hals und blickte sogar über den Ozean, denn, seitdem ich nur denken kann, lodert in mir ein Feuer, das meine Kampfeslust - auch das Unbesiegbare zu erobern - nährt. Womöglich eine genealogische Komponente, die mir Mutter in die Wiege gelegt hatte. Die Linie meiner Mutter geht auf ein altes Rittergeschlecht zurück, dessen Stammsitz seit dem 13. Jahrhundert urkundlich überliefert ist. Diese kämpferischen Vorfahren durchliefen allesamt die militärische Laufbahn und machten ihrem Namen alle Ehre, indem sie seit dem 14. Jahrhundert ein für die Gegend charakteristisches Sprichwort prägten: […]

[…] Ich war frischgebackener staatlich anerkannter […] und wie es die Ausbildung vorgesehen hatte, beherrschte ich alle Arten der […] Was sollte ich nun tun? Immer wieder, wenn ich an meine Zukunft dachte, sah ich Mutter, wie sie sich im Geschäft die Beine in den Bauch stand. Sie hoffte insgeheim, dass ich das elterliche Geschäft übernehmen würde, aber ich hatte mich in den Gedanken verliebt, der Menschheit neuartige […] zu erschaffen. Ich hatte keine Lust mehr zurück nach […], ich wollte hinaus in die Welt, weit in die Ferne. Als ich Mutter mein Vorhaben offenbarte, nickte sie nur und führte mich zum Pfarrer, der Verwandte in Le Havre hatte und meine Passage zu seinem Anliegen machte.

Abschlussklasse, 1950er Jahre

Abschlussklasse, 1950er Jahre
Foto: Privat

Während meine gleichaltrigen Kameraden ihre Träume in das Holz der Bushaltestelle ritzten, hatte ich schon längst eine Schifffahrtskarte nach Amerika in der Tasche. Ja, der Zufall ist die Form, die Gott wählt, wenn er anonym bleiben möchte. Es war pures Schicksal: Unter den Passagieren meines Ozeandampfers befand sich eine sehr nette ältere Dame, die herrlich nach Hyazinthen duftete und mich sofort unter ihre Fittiche nahm, als sie herausfand, dass wir Landsleute waren. Aber kaum hatte ich ihr meine kurze Lebensgeschichte von 21 Jahren erzählt, verlor ich sie schon aus den Augen und dachte, ich würde sie nie wiedersehen. Bei der Ankunft in New York an Pier 86 wollte ich mich gerade in die Schlange einreihen, die von der christlichen Wohlfahrtsorganisation empfangen werden sollte, da umhüllte mich abermals der betörende Duft von Hyazinthen und meine liebe alte Dame tippte auf meine Schulter und flüsterte mir vielversprechend in die Ohren, dass sie an Land auf mich warten würde. Sie merkte nämlich schon bei der Abfahrt in Le Havre, dass ich am liebsten die Welt aus den Angeln gehoben hätte, aber kaum Englisch sprach. Wir gingen gemeinsam von Bord, sie nahm sich meiner rührend an und führte mich am nächsten Tag selbstsicher in die Büros der großen […] in das Empire State Building, um mir einen Job zu verschaffen […]

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