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Sulzer im Wandel. Innovation aus Tradition

Die frühindustrielle Ära in Europa begann mit der Erfindung der Dampfmaschine in ihrem Ursprungsland Grossbritannien. Nach der Gründung ihrer Firma im Jahr 1834 gerieten die Schweizer Gebrüder Sulzer in die selten glückliche Lage, vom englischen Industriefirmament in der Person von Charles Brown einen jungen, aufgehenden Stern zu sich nach Winterthur holen zu können. Browns Ideen fanden in den Werkstätten an der Strasse nach Zürich eine ideale Brutstätte und komplettierten das technisch-handwerkliche Können, die kühnen Pläne und die Unternehmungslust der Gebrüder. Damit gingen tief greifende Änderungen in der Fertigungstechnik und auf sozialem Gebiet in der kleinen Firma einher.

Eingangs korrelierte die Produktion mit der örtlichen Nachfrage. Der Erfindergeist der Sulzer verbesserte die Qualität der Erzeugnisse, und so entwickelte sich das Produktportfolio stets weiter. War der lokale Markt gesättigt, erfolgte die Eroberung entfernter Gebiete. Vertretungen sowie Patente, Lizenznahme und -vergabe festigten das Geschäft. Von der ursprünglich einzigen lokalen Produktionsstätte auf dem Areal um das Gründerhaus erweiterte sich der industrielle Wirkungskreis der Gebrüder Sulzer über eine Dependance im deutschen Ludwigshafen ab 1881 sprunghaft. Das Unternehmen beschränkte sich nicht auf seine eigene Ideenschmiede, sondern nahm immer wieder Anregungen auf. Im Falle von neuen Produkten oder Geschäftsfeldern lautete das Credo, das ganze Geschäft zu übernehmen und bei Beteiligungen die Oberhand zu erlangen.

Die Firma wies lange Zeit eine grosse personelle Kontinuität in der Firmenführung auf. Erreichten die Dienstjahre der Präsidenten in den ersten rund 150 Betriebsjahren meist methusalem’sche Dimensionen, sofern kein Todesfall die Amtszeit vorzeitig beendete, vollzog sich in den letzten drei Jahrzehnten der Wechsel unter den Verwaltungsratspräsidenten und CEOs wesentlich rasanter.

Die familiale Struktur bedingte auch nach der Gründung der Aktiengesellschaft 1914 eine kollegiale Führungsphilosophie. Der Rückzug der Sulzer-Patrons läutete die managerielle Ära ein, und ab 1982 wurde die Konzernleitung einem externen Präsidenten und einem im Betrieb gross gewordenen CEO übergeben. Dieses Führungsduo und ihre Nachfolger lösten die präsidiale Leitung ab und navigierten das Unternehmen mit wechselndem Erfolg durch immer unruhiger werdende Gewässer.

Sulzer agierte seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert international. Als sich jedoch mit der Globalisierung die wirtschaftliche Bedeutung von Regionen verschob, befand sie sich nicht unter den Ersten, die Vor- und Nachteile dieses Phänomens erkannten. Auch zeigten sich im voluminösen Unternehmensgebilde tief liegende Probleme: Die entwicklungsfähigen Spitzenprodukte konnten den Mangel an Wirtschaftlichkeit mancher ausgereifter Erzeugnisse nicht auffangen.

Mehrmals stand bereits Sulzers Überleben auf dem Spiel. Den Angriffen zweier Raider in den Jahren 1987/88 bzw. 2001 konnte sie widerstehen und änderte anschliessend ihre Strategie, um solche Krisensituationen künftig zu verhindern. Bei einem erneuten Übernahmeversuch ab 2006/07 gelang es allerdings einem Grossaktionär, seinen Fuss in die Tür zu bekommen.

Welchen Herausforderungen sich Sulzer seit ihrer Gründung auf dem langen, eisernen, manchmal steinigen Weg bis in unsere Tage stellen musste, schildert diese Publikation. Sie geht auf die Entwicklung im wirtschaftshistorischen Kontext ein, beschreibt technische Entwicklungsschritte und behandelt neben unternehmensspezifischen Themen auch die Frage, auf welche Weise Sulzer unter dem Diktat des Marktumfeldes ihre Wandlungsfähigkeit entfaltete.

Das Buch gliedert sich in sechs Kapitel. Im ersten ist von der Herkunft und Wegfindung der Gründer, ihren Nachfolgern und den technischen Errungenschaften der patronalen Zeit die Rede. Der zweite Teil beschäftigt sich mit den Fragen und dem Geschäftsgang der manageriellen Ära. Das dritte Kapitel widmet sich der Forschung und Entwicklung sowie den Innovationen, den Patenten und der Informationstechnik. Im Anschluss daran werden frühere Produkte und deren Werdegang beschrieben. Das darauffolgende Kapitel behandelt die Unternehmenskultur. Das letzte stellt die aktuellen Divisionen dar. Diese Art der Gliederung wurde gewählt, um die Zeitsprunge in den 180 Jahren und zwischen den Produktsträngen bewältigen zu können. So werden die verschiedenen Themen zunächst allgemein dargestellt und anschliessend detaillierter diskutiert.

Auskunft über die Geschicke des Unternehmens gibt eine Vielzahl von veröffentlichten und unveröffentlichten Quellen, aber auch Realien wie Produkte kleinen und grossen Ausmasses oder Gebäude sind grundlegende Informationsträger. Zahlreiche Quellen sowie Zeitzeugenberichte von ehemaligen und heutigen Sulzeranern geben Einblick in die Veränderungen der letzten Jahrzehnte.

Mit welcher Intensität die Besprechung einzelner Themen durchgeführt werden konnte, ist sehr unterschiedlich. Bekanntlich ist das Gedächtnis eines jeden Unternehmens sein Archiv. Im Falle von Sulzer zog diese Institution nachweisbar mindestens ein halbes Dutzend Mal um, und ihr steht seit 1999 kein hauptamtlicher Archivar mehr vor. Auch haben die Produkt- und Geschäftsaufgaben, Devestitionen und MBOs in neuerer Zeit die Bestände erheblich gestutzt. Immerhin werden noch ca. 500 Laufmeter historische Akten gezählt.